Über Nebenwirkungen reden - ein Tübinger Journalist berichtet mutig

[Christoph Hueck:] Unter der Überschrift "Corona-Impfung: Über Nebenwirkungen reden - Mediziner aus der Region vermuten aufgrund eigener Erfahrungen deutlich mehr Folgen nach Corona-Impfungen, als offiziell vermeldet" erschien heute im Tübinger Tagblatt ein mutiger Artikel von Volker Rekittke, in dem er anhand von Ärzteinterviews auf das Thema Impfnebenwirkungen eingeht. Es ist einer der ersten - oder überhaupt der erste? - Artikel in einer deutschen Zeitung, der dieses wichtige und dringende Thema aufgreift. Der Artikel hat auch insofern besonders Gewicht, als die inzwischen bundesweit bekannt Tübinger Notärztin und Pandemiebeauftragte Dr. Lisa Federle über Impffolgen und deren wahrscheinliche Untererfassung spricht sich gegen eine allgemeine Impfpflicht wendet.  

 

Rekittke berichtet zunächst von einem Einzelfall:

"Der Antikörper-Titer des 48-jährigen Tübingers war hoch, als er ihn Mitte November bestimmen ließ: 896 BAU/ml. Der höchste Wert, den er in seiner Praxis je bei einem Erwachsenen ein halbes Jahr nach zweiter Corona-Impfung gemessen habe, habe sein Arzt ihm gesagt – und von einer Boosterung abgeraten. Die Gefahr eines allergischen Schocks sei zu hoch. Der 48-Jährige entschloss sich dennoch zur Impfung – aus beruflichen Gründen: Sein Arbeitgeber verlangte einen Booster-Nachweis.

Am 6. Dezember wurde er, wie auch bei der Erst- und Zweitimpfung, mit dem Biontech-Vakzin geimpft. Bald darauf spielte sein Immunsystem verrückt. Bereits wenige Stunden nach der Impfung schwollen die Lymphknoten in der Achsel, an Hals und Kiefer stark und schmerzhaft an. Es folgten vorübergehende halbseitige Lähmungserscheinungen im Gesicht, grippale Symptome mit Schüttelfrost und Nachtschweiß, Durchfall, der immer heftiger wurde und sich als Darmentzündung mit inneren Blutungen herausstellte. Eine Infektion etwa mit dem Noro-Virus wurde diagnostisch ebenso ausgeschlossen wie eine bakterielle Infektion oder eine Lebensmittelvergiftung. „Nach fünf Tagen war ich stark dehydriert, sah mich schon in der Notaufnahme. Aber dann kam spürbar eine Kehrtwende. Auch wenn es dann doch noch einmal knapp drei Wochen gedauert hat, bis sich alles wieder einigermaßen normalisiert hatte.“ Nach fast einem Monat ging es ihm Anfang Januar endlich wieder besser. „Aber erschöpft und angeschlagen fühle ich mich immer noch.“"

Dann kommen verschiedene Hausärzte und Lisa Federle zu Wort: 

"NACH DRITTIMPFUNG GEHÄUFT

Das klinge schon sehr „nach einer Impfreaktion, die einem Covid-Verlauf oder auch Post-Covid-Verlauf sehr ähnlich ist“, sagt der Rottenburger Hausarzt Klaus G. Weber. Auch in seiner eher kleinen Praxis habe er „auffallend viele Patienten mit unterschiedlichen Reaktionen nach Impfung“. Ein Patient habe Wochen nach der Impfung über „völlig unerklärliche schwere Schmerzen im Rücken“ geklagt. Ein weiterer habe zunächst einen stark erhöhten Bluthochdruck festgestellt – er hatte wenig später einen Herzinfarkt. Eine andere Patientin hatte einen Gesichtsnervenausfall, eine weitere bekommt bis heute beim Wandern in Höhenlagen über 800 Metern kaum mehr Luft. „Ein typisches Long-Covid-Symptom“, sagt Weber, der vor allem bei den allgemeinen Immunreaktionen und der Irritation des Stammhirns Parallelen zwischen der Covid-Erkrankung und bestimmten Impfnebenwirkungen sieht: „Eine Impfung imitiert, vereinfacht gesehen, abgeschwächt eine Erkrankung.“

Weber selbst litt nach seiner Erstimpfung nach wochenlanger Verzögerung unter einer äußerst schmerzhaften Muskelentzündung, die über Monate anhielt. Seine Frau hat seit der Astrazeneca-Impfung im Mai 2021 bis heute Blutdruck- und Herzrhythmusstörungen.

Die Tübinger Pandemiebeauftragte Lisa Federle impfte bislang bestimmt 2500 Menschen. Sie ist von der Impfung gegen Corona überzeugt. Besonders ältere Menschen und vulnerable Gruppen seien damit in der Regel gut gegen schwere Verläufe geschützt. Zugleich beobachtet auch Federle: „Es gibt deutlich mehr Nebenwirkungen als bei vielen anderen Impfungen.“ Derzeit würden möglicherweise „thromboembolische Ereignisse nach Drittimpfung gehäuft auftreten“, so ihre Beobachtung – wie auch immunologische und neurologische Auffälligkeiten.""

Weiterhin thematisiert Rekittke die Probleme des Nachweises und der Nachverfolgung von Impffolgen: 

"LANGFRISTIGE FOLGEN UNKLAR

Von schweren Erkrankungen wie Vorhof- oder Herzkammer-Thrombosen, Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen bei Patienten nach deren Corona-Impfung hörte Weber auch von einem Kardiologen aus dem Kreis Tübingen. Der Mediziner-Kollege habe ihm zudem berichtet, dass er bereits recht häufig Herzrhythmusstörungen und Blutdruckschwankungen bei geimpften Patienten gesehen habe, so Weber: „Dieser Kollege empfiehlt derzeit niemandem unter 30 aktiv die Impfung.“

Weber wollte nun wissen, wie er besorgte Patienten im Hinblick auf die Impfung beraten kann. Also rief er im Oktober 2021 beim RKI an. Ein ärztlicher Mitarbeiter habe ihm gesagt, man könne lediglich „statistisch begründet“ beraten – also mit Verweis auf die Statistik des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) über „Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen“ nach Corona-Impfung. Die langfristigen Folgen seien aber vor allem in immunologischer Hinsicht unklar, habe Weber von dem PEI-Mitarbeiter gehört: „Die Corona-Impfstoffe sind immunologisch eine Blackbox.“

Das grundsätzliche Problem sei, so der Hausarzt: „Weder Long-Covid noch Impffolgen lassen sich bisher objektivierbar nachweisen.“ Es gebe vor allem statistische Korrelationen. Zahlreiche Symptome seien bei Impffolgen wie auch bei Long-Covid so unspezifisch, dass sie auch von anderen Viren oder Erkrankungen ausgelöst worden sein könnten.

Die in den vorläufigen Zulassungen der Impfstoffe publizierten Nachbeobachtungszeiten umfassten lediglich drei Monate: „Das ist zu kurz – immunologische Reaktionen zeigen sich oft erst später.“ Auch bei manchen Todesfällen sei der Zusammenhang mit der Erkrankung, möglicherweise aber auch mit der Impfung, kaum nachzuweisen – nicht zuletzt aufgrund der in Deutschland „sehr geringen Sektionsrate“. Dabei wäre wegen der existierenden Staatshaftung ein Nachweis im Falle von Impfschäden für die Betroffenen bedeutsam, findet Weber."

Auch das Problem der Untererfassung von Nebenwirkungen wird von Rekittke angesprochen: 

"ZU WENIG MELDUNGEN

„Das Problem ist: Es gibt bei Impfschäden keinen hundertprozentigen Nachweis“, sagt auch der Tübinger Hausarzt Albrecht Kühn. Das gilt auch für jene Todesfälle von zwei sehr alten Patienten Kühns unlängst, „die beiden starben kurze Zeit und unerwartet nach der Drittimpfung“.

„Was man nicht im Visier hat, wird auch nicht gesehen“, sagt Weber. Kühn findet: Die Wissenschaft tendiere dazu, Beschwerden, die nicht eindeutig einer Impfung oder Erkrankung zuzuordnen seien, etwa als psychosomatisch abzutun. „Aber es gibt einen Unterschied zu dem, was wir Hausärzte in unserem Praxisalltag erleben: Im Patienten- und auch im Bekanntenkreis treten immer mehr Komplikationen nach der Impfung auf – die aber Gott sei Dank nur selten tödlich sind.“

Kühn impft gegen Corona „nahezu durchgehend seit April 2021“ – aus Überzeugung: „Schwere Corona-Krankheitsverläufe werden dadurch verhindert.“ Zugleich findet er: „Man muss auch über Impfnebenwirkungen reden.“ Der Hinweis auf volle Intensivstationen reiche nicht, diese Bedenken zu entkräften. „Wir haben viele Patienten, die durch die einseitige Corona-Berichterstattung sehr verunsichert sind.“

Ein Problem ist die Datenlage: „Man kann davon ausgehen, dass viele Ärzte zu wenig Nebenwirkungen melden“, sagt Lisa Federle. Die Tübinger Ärztin geht von einer starken Untererfassung von unerwünschten Impffolgen aus. Das müsse sich dringend ändern, ein möglicher Zusammenhang zur Corona-Impfung erforscht werden. Womöglich wisse man mehr, wenn die Ärzte den Kassen ihre Diagnosen meldeten.

„Wie kommen wir an verlässliche Daten?“ Diese Frage stellt sich auch Prof. Stefanie Joos, Ärztliche Direktorin am UKT-Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung. Obwohl noch vieles unklar sei, etwa Placebo-Effekte bei Menschen mit großer Angst vor einer Impfung nicht ausgeschlossen werden könnten, findet Joos: „Was die Beschwerden in zeitlichem Zusammenhang mit einer Corona-Impfung angeht, gehe ich von einer Untererfassung aus.“ Laut „Deutschem Ärtzeblatt“ vom 27. Dezember könnte das Dunkelfeld sehr hoch sein. Joos überlegt deshalb, eine Studie zu unerwünschten Impffolgen zu starten. Das PEI hingegen schreibt auf Nachfrage: „Das Spontanerfassungssystem ist sehr zuverlässig, selbst sehr seltene Nebenwirkungen werden schnell erkannt.“"

Und die Impfpflicht?

"ÜBER 50-JÄHRIGE IMPFEN

Was heißt das für die Impfpflicht? „Wenn eine Impfung Gesetz wird, darf die nicht krankmachen, oder nur so extrem selten, dass es hingenommen werden muss“, sagt Kühn. Jedoch: „Bei der Häufigkeit der Impfzwischenfälle darf der Staat keine Impfpflicht für Corona beschließen.“ Auch, weil bei Omikron „die Ansteckungsgefahr durch Geimpfte genauso hoch ist wie durch Ungeimpfte“. Fast alle seiner 25 zuletzt Corona-positiv getesteten Patienten waren zwei Mal oder gar drei Mal geimpft.

„Trotz schlechter Eigenerfahrungen habe ich mich boostern lassen und würde das auch allen Risikopatienten empfehlen“, ist Webers Fazit: „Impfungen bei über 50-Jährigen sehe ich positiv, die Impfung von Kindern sehr kritisch.“ Eine Oberärztin einer Uniklinik habe ihm gesagt, dass keine Kinder unter 12 geimpft werden sollten, weil bei ihnen immunologisch und hormonell noch zu viel passiere, so Weber: „Eine Impfpflicht für alle einzuführen, ist aufgrund der aktuellen Daten etwa aus Israel zur Viert-Impfung kaum zu begründen.“

Auch Federle ist angesichts der Datenlage gegen eine allgemeine Impfpflicht. Anders sei das bei jenen, die Kontakt zu vulnerablen Gruppen haben. Unklar sei jedoch die Dauer der Schutzwirkung, so die Ärztin: „Wer will sich schon alle drei Monate impfen lassen?“"

 


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