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Peter Selg widerspricht dem Vorwurf einer Nähe der Anthroposophie zu rechtsradikalem Denken

In der Wochenschrift Das Goetheanum vom 11.9.2020 wendet sich Peter Selg, Mitglied der Goetheanum-Leitung in Dornach, gegen den Vorwurf einer Nähe der Anthroposophie zu Rechtsradikalen. Wir geben hier die Einleitung der Wochenschrift wieder und verlinken den äußerst lesenswerten Artikel. 

"Rechte Gruppierungen haben die Berliner Großdemonstration gegen die Corona-Maßnahmen am 29. August 2020 für ihre Zwecke zu nutzen versucht – und dafür viel Raum in den Medien bekommen, die der Corona-Protestbewegung insgesamt eine Verbindung nach Rechtsaußen unterstellen. An Bekenntnissen zur Spiritualität, die in der Protestbewegung immer wieder geäußert werden, stoßen sich einige Kommentatoren besonders und behaupten dabei eine genuine Verbindung von ‹Esoterik› und rechten Ideologien – ausdrücklich auch für die Anthroposophie. Die schärfste Polemik formulierte Annika Brockschmidt unter der Überschrift ‹Sind das jetzt alles Nazis?› am 1. September 2020 in Zeit online. Peter Selg widerspricht in einem Offenen Brief an Redaktionsleitung und Herausgeber der ‹Zeit›."

 

"Annika Brockschmidt unterstellt Anthroposophen eine geringe Aufarbeitungsbereitschaft dieser Zusammenhänge, ja ein „radikal ahistorisches“ Denken, offensichtlich ohne die diesbezüglichen historischen Studien, die in nicht geringer Zahl vorliegen, je zur Kenntnis genommen zu haben. Diese Arbeiten weisen im Detail nach, wie intensiv sich Steiner nach 1918 über sieben Jahre, bis zu seinem Tod 1925, für den Aufbau einer freiheitlichen und pluralistischen parlamentarischen Demokratie und gegen jedes nationalistische, rassistische, antisemitische und ‹eugenische› Denken ausgesprochen hat – und wie sehr er deswegen im Visier rechter Kräfte und Gruppierungen war, massiv bedroht und angegriffen wurde."[1]

 

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[1] https://dasgoetheanum.com/offener-leserbrief-peter-selg/?fbclid=IwAR1HbRT5jP46pZFsZPfBMg2-yeP1zGbbky4c84c_YYlMMkTqEINoyT1aM4g

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael Christian Gerhard Günther (Montag, 14 September 2020 11:14)

    Herzlichen Dank für diesen Beitrag und besonders an Herrn Selg.-- Anthroposophisches Bewusstsein erlebt seine Wandlungen. Es gibt die (geistes)gegenwärtige Anthroposophie, die nicht identisch ist mit dem Lebenswerk Rudolf Steiners, letzteres verstehe ich als historische Anthroposophie. Damit wird keinesfalls ein Wert geschmälert, im Gegenteil!
    Der Bereich der Erfahrung des Menschen ist nicht gleichzusetzen mit dem Denken (besonders Vordenken). Natürlich ist Denken Erfahrung aber in eingeschränkter Weise. In diesem Sinn gilt für mich der Satz: Glauben ist nicht wissen. Die Erfahrung ist letzten Endes insgesamt nochmals eine andere Qualität bezüglich der "Wahrheit" (in diesem Zusammenhang Wahrhaftigkeit). Grade bezogen auf Argumente, betreffend die Covid-19-Krise, darf Frau / Mann das grundsätzlich berücksichtigen für seriöse Diskussionen.--
    Anthroposophie lässt sich niemals eben mal so aushebeln, wie manche Kritiker vermuten, weil das dahinter wirkende Niveau diese Wünsche unerfüllt lässt. Solche Kritiker setzen sich zusätzlich damit Antworten aus, die hinderliche Oberflächlichkeit nachweisen und teils damit irrationalen Verruf. Das ist immer peinlich, fragt sich nur für wen.

    Die ART Rudolf Steiners ist beeinflusst von kultureller Historie geografischer Gebiete, was heute Deutschland in seiner Identität mit prägt (unter vielem anderen). Er interessierte sich dabei für ausgewählte Leistungen und fand so für sich eine Definition, die er gleichzeitig als Wahrnehmung skizzierte; er betitelte diese als deutschen Geist. Dieses Thema hat ihn zeitlebens interessiert und zwar konkret im Ausdruck, sogar sozusagen als durch seine Hände strömende Initiative. Das ist aber eine Entdeckung seinerseits, deren Wert bis heute kunstgeschichtlich nur "fragmentarisch" behandelt worden ist. Es geht dabei um deren eventuelle Gültigkeit im Kulturellen. Modern besprochen: Er sah diese Strömung innerhalb deutschsprachiger Gebiete in ihren besonders künstlerischen Möglichkeiten unvollendet und wünschte sich darauf aufbauend weiteren Fortschritt. Das formulierte er auch "pathetisch" usw. ... .--
    Erstens darf man die Anthroposophie nicht gleichsetzen mit dem von Rudolf Steiner gepflegten deutschen Geist. Zweitens darf Frau / Mann nach meiner Meinung dieses Thema nur einordnen als kulturellen Aspekt. Drittens ist damit keinerlei Zwang verbunden, sondern letzten Endes ein freundlicher Hinweis an nachrückende Generationen. Wer sich dafür interessiert, kann sich damit beschäftigen.- Wer das in einer Richtung interpretiert von Deutschtümelei nach dem Motto, Nur am deutschen Geist soll die Welt genesen!, der unterliegt einem gefährlichen Irrtum und gibt zusätzlich Steilvorlagen für feinste Satire und beißende Polemik überall, schon in allen Nachbarländern und genauso in Deutschland. Es ist dermaßen absurd, dass ich allein bei solchen Gedankenspielen unmittelbar lache.

    Warum steht die Anthroposophie hier und dort im Verdacht einer Nähe zu rechtsradikalem Gedankengut (Denken)? Für mich gibt es hier zweierlei Erklärungen. Inhalte und Formulierungen im Lebenswerk von Rudolf Steiner begünstigen, milde formuliert, solche Missverständnisse. (Dieses Inhaltliche muss man klar und deutlich benennen). Die Anthroposophische Gesellschaft (eine heterogene) hatte längere Zeit Ernst und Gewicht des damit verknüpften Themenkomplexes irgendwie falsch behandelt aus diversen Gründen. Dabei spielte sicher hinein ein wiederholt auftretender Stress in ihrer Historie, der diesbezügliche kontinuierliche Klärung erschwerte. Ich darf in diesem Zusammenhang nochmals darauf hindeuten, dass die Erfahrung an sich in der Anthroposophie die ihr zustehende Aufmerksamkeit eingeräumt werden muss, weil besonders sie vor Illusionen schützt.