Corona – ein Aufruf zur Selbsterkenntnis

[Andreas Neider:]  Schon zu Beginn der Corona-Krise, aber in ihrem Verlauf nun immer mehr, werden nicht nur die einzelnen Menschen, es werden vor allem die Staaten und ihre sozialen Einrichtungen massiv mit sich selbst konfrontiert.

Der Ausnahmezustand zeigt unerbittlich die Schwächen der jeweiligen sozialen Systeme, in aller erster Linie des Gesundheitssystems, aber auch des Schulsystems und vor allem der sozialen Fürsorge. Aber auch an der Reaktion großer Teile der Bevölkerung auf die jetzige globale Verunsicherung zeigt sich, wo wir zurzeit stehen. Die mehrheitlichen Rufe der Deutschen nach Kontrolle, nach Überwachung, nach Impfzwang und Einschränkung der Freiheitsrechte sprechen hier eine deutliche Sprache. Laut FORSA-Umfrage vom 20. und 21. April sprechen sich 85% aller Deutschen für eine Fortsetzung der massiven Freiheitsbeschränkungen aus.[1]

Was aber wird daran deutlich? Die Konfrontation mit den eigenen Schwächen, Schulden und einseitigen Verhaltensweisen erfolgt für den einzelnen Menschen in der Regel erst nach dem Tod, vor dem Eintritt in die Seelenwelt. In der christlichen Terminologie hat man diesen Bereich des Nachtodlichen das „Fegefeuer“ genannt, im indischen Glauben spricht man vom „Kamaloka“.  Im normalen Alltagsbewusstsein ist der Mensch vor diesem Anblick seiner selbst durch einen Hüter, den „Hüter der Schwelle“ geschützt.

Doch die Menschheit hat sich offensichtlich soweit von ihrem eigentlichen Menschsein entfernt, dass dieser Schutz nun mit einem Mal wie weggezogen wurde, denn überall treten nun in massiver Form die Schwächen und Verfehlungen der Menschheit, nach Nationen unterschieden, hervor. 

Weil dieser „Schwellenübertritt“ unvorbereitet geschieht, reagieren die Menschen eben so, wie sie es aus ihrem Normalbewusstsein heraus vermögen: tief verunsichert, von Ängsten getrieben und zurückfallend in mittelalterlichem Glauben an nicht evidenzbasierte Aussagen von den immer noch im Dunkeln tappenden Wissenschaftlern.  Diejenigen aber, die auf Evidenz basiert handeln, wie etwa die Schweden, werden verteufelt. Stattdessen setzt man lieber auf Placebo-Effekte wie die der Atemmasken, die selbst von der WHO und namhaften Virologen noch vor drei Wochen als unwirksam bezeichnet wurden.

Was aber tritt an der Schwelle im Anblick der eigenen Schwächen als Erstes auf? In den Mysteriendramen Rudolf Steiners sehen wir, wie sich an dieser Schwelle des Bewusstseins die Gegenmächte Luzifer und Ahriman zu Wort melden. Ahriman verbreitet Furcht und wirft den Menschen zurück in sein irdisch-materialistisches Gefangensein, und Luzifer breitet seine Arme aus, um den Menschen in der Unfreiheit älterer Bewusstseinsformen aufzufangen. Die aus diesen Gegenkräften resultierenden Haltungen spiegeln sich auf dramatische Weise in den oben beschriebenen Reaktionen von Politikern und Bevölkerung: Angst und Furcht vor einem unbekannten Virus führen zu einem Rückfall in ein vorwissenschaftliches Bewusstsein und zu Maßnahmen, die auf Glauben und nicht auf Evidenz basiertem Wissen beruhen. Hinzukommt, dass diese Maßnahmen und der ihr zugrunde liegende Glauben auf von Computern gestützten Modellrechnungen beruhen, wodurch Ahriman noch mehr Macht über die Menschen gewinnt.

Was aber kann der Einzelne angesichts  dieses Rückfalls in mittelalterliche Handlungsweisen nun tun? Die Schwelle zur geistigen Welt fordert den Menschen zur Selbsterkenntnis auf, der er sich nicht entziehen sollte. Denn dieser ernste Moment bietet eine besondere Chance: Zu wissen, was man falsch gemacht hat, wo etwas nicht gut gelaufen ist, kann den Willen, es in Zukunft anders zu machen, Dinge neu zu ergreifen und umzugestalten, stärken! Und selbstverständlich wird das nicht mit einem Mal geschehen können, das heißt, man darf sich an dieser Stelle nicht überfordern und muss sich auch in Geduld üben, auch im Hinblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Community. Denn auch die anthroposophischen Ärzte rätseln noch angesichts der Eigenartigkeit dieses Virus und der Reaktionen des menschlichen Organismus auf dasselbe.

Sowohl für den Einzelnen wie für die sozialen Gemeinschaften, die Staaten, die Bundesländer, die Kommunen und Städte wie auch für die wissenschaftliche Community wird dieser Aufruf zur Selbsterkenntnis nicht nur ein bitterer Moment bleiben, wenn sie sich ernsthaft darum bemühen, den jetzt zutage tretenden Schwächen ins Auge zu schauen und sich zu sagen: Wir werden daraus lernen und es in Zukunft besser machen!

Das setzt allerdings voraus, dass man auch lernbereit ist, dass man aber vor allem den angsterfüllten Blick auf das Virus loslässt zugunsten der Frage: Wodurch kann denn ein solches Virus überhaupt erst den Boden finden, auf dem es sich so stark ausbreiten kann? „Das Virus ist nichts, der Wirt ist alles“, sagte bereits Robert Koch, der Namensgeber des jetzt alles beherrschenden RKI.

Anders herum gesagt bietet COVID-19 die seltene Gelegenheit, einmal wegzukommen von dem pathogenetischen Blick auf den Verlauf einer Pandemie hin zu einem salutogenetischen Blick mit der Frage: Was sind die Grundlagen der menschlichen Gesundheit? Denn zur Gesundheit gehört nicht nur der menschliche Körper, und ein erfülltes und gesundes Leben ist kein unbegrenzt langes Leben. Gesundheit besagte schon in der Antike mehr als nur physische Gesundheit, das Wort „salus“ bedeutete „Wohlbefinden“ in einem umfassenden Sinne, das auch seelische und geistige Aspekte umfasst.

Und um diese geht es im Angesicht der Schwelle in allererster Linie. Denn seelische und geistige Gesundheit, wozu auch ein meditatives Leben im Sinne der Anthroposophie gehören kann, sind zumindest eine der Voraussetzungen dafür, dass eine solche Pandemie in Zukunft anders als durch nur durch Angst und Rückfall in mittelalterliche Glaubenshaltungen bewältigt werden kann. Nutzen wir also die Krise auch zu einer Besinnung auf diese geistig-seelischen Potentiale des Menschen, denn: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ (Hölderlin).

Andreas Neider

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Hans-Florian Hoyer (Sonntag, 03 Mai 2020 16:16)

    Aufruf zur Selbsterkenntnis oder zur Welterkenntnis?

    Selbsterkenntnis ist immer gut. Sind wir mit aber der Welterkenntnis schon fertig? Haben wir unter zuviel Wissenschaft zu "leiden" oder zuviel Glauben, was Wissenschaft sei?

    Wir konnten miterleben, wie die unterschiedlichen Zählweisen auf den Tisch kamen und welche unterschiedlichem Modellrechnungen angestellt wurden. Wer feststellt, dass er aus schlechten Zahlen schlechte Ergebnisse erhält, wird nicht das Rechnen verteufeln, sondern für bessere Daten und verfeinerte Modelle sorgen.

    Selbstverständlich ist der "Sense of Coherence" in der Salutogenese ein Kernpunkt zum Gesund-Bleiben. Man muss die Welt verstehen können, man muss das Gefühl haben können, an der Gestaltung mitwirken können und man muss die Überzeugung haben, das Ganze sei auf einem sinnvollen Weg.

    Steiner hat das in Geisteswissenschaft und Soziale Frage" so ausgedrückt:
    "Sie [die Gesamtheit der Menschen] muß von einem wirklichen Geiste erfüllt sein, an dem ein jeder Anteil nimmt. Sie muß so sein, daß ein jeder sich sagt: sie ist richtig, und ich will, daß sie so ist. Die Gesamtheit muß eine geistige Mission haben; und jeder einzelne muß beitragen wollen, daß diese Mission erfüllt werde. All die unbestimmten, abstrakten Fortschrittsideen, von denen man gewöhnlich redet, können eine solche Mission nicht darstellen."

    Statt dass sich Anthroposophen in die Selbsterkenntnis zurückziehen, sollten sie m.E. besser dafür sorgen, dass der öffentliche Diskurs über den Gesellschaftsvertrag durch das befruchtet wird, was sie sich schon erarbeitet haben.

    Im selben Aufsatz schreibt Steiner: "Die wahre Frucht der Geisteswissenschaft [...] zeigt sich nämlich erst dann, wenn der geisteswissenschaftlich Gesinnte an die Aufgaben des praktischen Lebens herantritt. Es kommt darauf an, ob ihm die Geisteswissenschaft etwas hilft, diese Aufgaben einsichtsvoll zu ergreifen und mit Verständnis die Mittel und Wege zur Lösung zu suchen. Wer im Leben wirken will, muß das Leben erst verstehen."

    Die Salutogenese ist kein Ersatz für die Pathogenese. Wir kommen nicht darum, eine bessere Datenbasis, bessere Prognosen und vor allem auch Massnahmen mit Augenmass zu bekommen. Leider grassiert schon lange ein "Entweder-Oderismus" der einen Zivilisierten Diskurs über die Deutung der Daten oder die Sinnhaftigkeit der Massnahmen in gegenseitige Vorwürfe und Verunglimpfungen abgleiten lässt.